Durchbruch in der Transfusionsmedizin
Nach einem halben Jahrhundert rätselhafter Fälle ist es Medizinern endlich gelungen, ein ungewöhnliches Blutsystem zu benennen. Diese Entdeckung könnte die Erfolgsrate von Bluttransfusionen und den Verlauf von Schwangerschaften bei bestimmten Patientinnen grundlegend beeinflussen.
Die neu identifizierte Blutgruppe trägt die Bezeichnung MAL und steht im Zusammenhang mit dem Fehlen eines äußerst seltenen Antigens auf der Oberfläche roter Blutkörperchen. Die technische Benennung klingt vielleicht nicht besonders dramatisch, doch für bestimmte Patienten bedeutet sie den Unterschied zwischen sicherer Behandlung und schwerwiegenden Komplikationen nach der Gabe gewöhnlichen Blutes.
Was die Blutgruppe tatsächlich bestimmt
Bei der Registrierung in einer Blutspendezentrale hören wir meist vier Buchstaben: 0, A, B, AB. Dazu kommt ein Plus oder Minus für den Rhesusfaktor. Das ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Auf der Oberfläche roter Blutkörperchen befinden sich hunderte verschiedener Antigene – spezifische Moleküle, die das Immunsystem erkennt.
Diese Moleküle können als Proteine, Zucker oder komplexe Glykoproteine vorliegen. Der Körper nimmt sie als Markierungen wahr, die zwischen „eigen“ und „fremd“ unterscheiden. Genau deshalb kann das Immunsystem bei einer Transfusion heftig auf fremde Blutzellen reagieren, wenn wir Blut mit Antigenen verabreichen, die der Empfänger nicht besitzt.
Die Blutgruppe wird durch die exakte Kombination von Antigenen auf den roten Blutkörperchen definiert. Jede untypische Zusammensetzung kann einen völlig anderen Ansatz bei der Transfusion erfordern.
In Europa konzentriert sich die Medizin hauptsächlich auf die Systeme ABO und Rh, weil sie den Großteil der Bevölkerung abdecken und bei alltäglichen Transfusionen sowie in der Geburtshilfe eine Schlüsselrolle spielen. Aus immunologischer Sicht sind jedoch weitaus mehr Systeme von Bedeutung. Daher kann ein Mensch mit dem Ergebnis „0 Rh-“ in Wirklichkeit ein deutlich kompliziertes und selteneres Antigenprofil aufweisen.
Seltene Blutgruppen – ein verborgenes Problem
Für unsere Blutgruppe sind Gene verantwortlich. Winzige Unterschiede in der DNA entscheiden darüber, welche Antigene auf den Blutzellen erscheinen. Manche Kombinationen sind verbreitet, andere treten außerordentlich selten auf – und genau diese stellen für Ärzte die größte Herausforderung dar.
In vielen Ländern gilt eine Blutgruppe als selten, wenn sie bei weniger als 4 von 1000 Personen vorkommt. Auf den ersten Blick eine kleine Zahl, doch bei Transfusionen, Operationen oder der Behandlung von Tumorerkrankungen kann sie ein dramatisches Wettrennen gegen die Zeit bei der Suche nach einem geeigneten Spender bedeuten.
- Schätzungen zufolge leben in einem großen europäischen Land etwa 700.000 Menschen mit seltenen Blutsystemen
- Weltweit wurden mehr als 380 seltene Konfigurationen beschrieben, beispielsweise Bombay, Diego oder Duffy
- Was in einem Teil der Welt selten ist, kann anderswo relativ häufig vorkommen – beispielsweise Rh- in Asien
Viele Menschen erfahren erst von ihrem untypischen Profil, wenn sie sich für eine Transfusion qualifizieren, eine geplante Operation ansteht oder während einer Schwangerschaft, wenn Ärzte das Blut von Mutter und Fötus gründlicher untersuchen.
Die Geschichte der Entdeckung des MAL-Systems
Die Geschichte von MAL begann nicht in einem modernen Labor, sondern auf einer Geburtsstation in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Eine schwangere Frau wurde mit schweren Komplikationen ins Krankenhaus eingeliefert. Es stellte sich heraus, dass ihr Immunsystem die Blutzellen des Kindes zerstörte, als gehörten sie zu einer fremden Person.
Analysen enthüllten, dass auf den Blutkörperchen ein bestimmtes Antigen fehlte, das als AnWj bezeichnet wird. Bisher wurde angenommen, dass sein Verschwinden hauptsächlich mit schweren Erkrankungen zusammenhängt, etwa Tumoren oder Störungen der Blutbildung. In dieser Familie sah die Situation jedoch anders aus – das Fehlen des Antigens wiederholte sich, was auf eine genetische Ursache hindeutete.
Wissenschaftler verfolgten jahrzehntelang Blutproben weiterer Personen mit ähnlichem Profil, bis sie feststellten, dass für das Fehlen des AnWj-Antigens ein bestimmtes Gen namens MAL verantwortlich ist.
Mithilfe der DNA-Sequenzierung untersuchten Forscher Genomabschnitte, die für auf Blutzellen vorhandene Proteine verantwortlich sind. Sie entdeckten charakteristische Ausfälle im MAL-Gen – praktisch fehlte ein Teil der „Anleitung“, die zur Herstellung des Proteins auf der Oberfläche roter Blutkörperchen benötigt wird. Bei Personen mit diesen Veränderungen zeigte sich dasselbe untypische serologische Bild: Blutzellen ohne AnWj-Antigen.
MAL – ein neues Puzzleteil in der Transfusionsmedizin
Die Forscher kamen somit zu dem Schluss, dass sie es mit einem eigenständigen System zu tun haben, das eine eigene Bezeichnung verdient. So entstand die Blutgruppe MAL. Bei Personen, denen das mit dem durch dieses Gen kodierten Protein verbundene Antigen fehlt, sprechen wir von MAL-negativem Blut.
Für diese Patienten geht es nicht nur um Theorie. Wenn sie Blut von einem Standardspender erhalten, das das fehlende Antigen enthält, kann das Immunsystem es als Bedrohung wahrnehmen. Es bilden sich Antikörper, die beginnen, die übertragenen Blutzellen zu zerstören. In extremen Fällen kann es zu einer akuten hämolytischen Reaktion kommen, die lebensbedrohlich ist.
Vergleich der Empfängertypen
Eine Person mit typischem Profil (AnWj vorhanden) benötigt Standardblut, das in ABO und Rh übereinstimmt. Das Risiko bleibt bei korrekter Qualifikation gering.
Eine Person mit MAL-Profil (AnWj fehlt) benötigt Blut ohne dieses Antigen, das mit dem genetischen Profil übereinstimmt. Bei Verwendung von Standardblut ohne Überprüfung des seltenen Systems droht ein hohes Reaktionsrisiko.
Die Beschreibung des MAL-Systems ermöglicht die Entwicklung präziserer genetischer und serologischer Tests. Labore können heute überprüfen, ob ein Patient zu dieser kleinen Gruppe gehört, und Blutbanken können Einheiten kennzeichnen und reservieren, die speziell für sie geeignet sind.
Warum diese Entdeckung Ärzte weltweit interessiert
MAL stellt nicht nur einen neuen Begriff im hämatologischen Lehrbuch dar. Mediziner sehen darin mehrere sehr praktische Anwendungen:
- Sicherere Transfusionen bei Personen mit untypischen Bluttestergebnissen
- Bessere Betreuung schwangerer Frauen mit Verdacht auf immunologischen Konflikt mit dem Fötus
- Präzisere Qualifikation von Patienten mit Bluterkrankungen oder Tumoren, die wiederholte Transfusionen benötigen
Seltene Blutsysteme haben auch in der Reise- und Migrationsmedizin Bedeutung. Ein Mensch aus Europa, der in eine Region mit völlig anderer Verteilung der Blutgruppen umzieht, kann dort bei einem Unfall oder einer akuten Operation praktisch „nicht zuordenbar“ als Empfänger sein. Informationen über die Zugehörigkeit zur engen MAL-Gruppe helfen, die Behandlung im Voraus zu planen, beispielsweise vor risikoreichen Eingriffen.
Von den Laboren in die Krankenhauspraxis
Noch erfordert die MAL-Untersuchung spezialisierte Einrichtungen und gelangt nicht sofort in jedes Krankenhauslabor. Die Richtung ist dennoch klar: In der Transfusionsmedizin gewinnt die Genotypisierung, also die direkte Untersuchung der DNA, an Bedeutung gegenüber einfachen Tests mit Reagenzien.
Je mehr feine Unterschiede zwischen dem Blut einzelner Personen wir kennen, desto besser können wir Spender mit Empfänger verbinden und das Risiko immunologischer Reaktionen senken.
In den kommenden Jahren ist zu erwarten, dass Informationen über das MAL-System in internationale Standards und Empfehlungen für Blutbanken einfließen. Praktisch jede solche Erweiterung der Liste beschriebener Gruppen hilft beim Aufbau von Kooperationsnetzwerken zwischen Ländern, damit im Bedarfsfall eine geeignete Bluteinheit für einen sehr seltenen Patienten bereitgestellt werden kann.
Was diese Geschichte über die Blutmedizin aussagt
Der Fall MAL zeigt, wie lang der Weg von der ersten klinischen Rätselhaftigkeit bis zu geordneten Erkenntnissen sein kann. Zwischen dem dramatischen Fall einer komplizierten Schwangerschaft aus den siebziger Jahren und der offiziellen Abgrenzung des Systems vergingen ganze Jahrzehnte. In der Zwischenzeit wandelten sich die Technologien, die DNA-Sequenzierung kam auf, Datenbanken anonymer Proben entwickelten sich.
Für Patienten ergibt sich daraus eine wichtige Lehre: Informationen über die Blutgruppe enden nicht bei einem einfachen Eintrag auf der Spenderkarte. Ein Mensch mit chronischer Erkrankung, der zahlreiche Eingriffe oder eine Schwangerschaft plant, kann mit einem Hämatologen besprechen, ob in seinem Fall detailliertere Untersuchungen sinnvoll sind, die über den Standard von ABO und Rh hinausgehen.
Aus Sicht des Gesundheitssystems stellt sich auch die Frage des Aufbaus von Registern seltener Spender. Wenn jemand einmal Blut gespendet hat und sich herausstellte, dass er ein untypisches Profil besitzt, können seine Daten (selbstverständlich unter Wahrung der ärztlichen Schweigepflicht) zu einer unschätzbaren Hilfsquelle für Patienten werden, die ohne eine so präzise ausgewählte Bluteinheit sehr begrenzte Behandlungsmöglichkeiten haben.













